Wie Social Media die Graffiti Szene beeinflusst – Featuring Stefan Wogrin, SPRAYCITY.AT

Die digitale Revolution und die Neuzeit von Social Media hinterlässt nicht nur seine Spuren in der der Subkultur der elektronischen Musik (siehe Wie Social Media die Musikwelt für Veranstalter und DJ’s veränderte) – sondern auch in der Welt der Sprühkunst.

Der Begriff Graffiti ist der Plural von dem italienischem Wort Graffito. Dieses leitet sich vom Griechischen γράφειν (graphein) ab, was soviel wie schreiben und zeichnen bedeutet. Stefan Wogrin zufolge wird

„Der Begriff „Graffiti“ (…) heutzutage in zeitgenössischen Medienberichten, als Bezeichnung von unerlaubt angebrachten Zeichen und Worten, die mit Sprühdosen im öffentlichen Raum ausgeführt wurden, verwendet. (…) Das Wort Graffiti stellt einen umfangreichen Sammelbegriff dar, der gekratzte, antike Inschriften, politische Parolen und Inschriften auf Toilettenwänden ebenso umfasst, wie das Schreiben eines Namens mittels Sprühdosen.“  

Die Meinungen zu den Auswirkungen welche die Neuzeit auf die Sprühkunst hat ist auch innerhalb der Sprüher Szene polarisierend.
Nicola Harding, Doktorandin der Kriminologie an der Manchester Metropolitan University, äußerte sich kritisch in diversen online Beiträgen. Ihre Recherche und Beobachtungen zufolge wurde Graffiti vor allem von Männern aus niedrigerem sozio-ökonomischen Stand ausgeübt. So konnten sie sich ausdrücken, kommunizieren und Achtung und Anerkennung in ihrer Subkultur erlangen. 

„Die reichen Kinder von Instagram haben die Graffiti-Sprüher auf dem Gewissen“


Demnach ist Sprühkunst welche auf legalem Wege durch Aufträge oder das  Anbieten von Wänden kein Graffiti. Graffiti ist Teil der Strassenkultur. Harding geht einen Schritt weiter und kritisiert „Die reichen Kinder von Instagram haben die Graffiti-Sprüher auf dem Gewissen“. Graffiti Künstler welche auf legalen Wänden sprühen, sich Aufträge sichern und Geld damit verdienen und wissen sich selbst und ihre Kunst auf Social Media Plattformen wie YouTube und Instagram zu vermarkten, erfahren viel schneller Ruhm und Aufmerksamkeit, als ein traditioneller Sprüher.

Durch Plattformen wie Amazon, kann jedermann Zubehör wie z.B: Schablonen und Vorlagen bestellen, oder sich in Cyberspace Graffiti (besprühen einer virtuellen Wand) versuchen und sich so einen Namen in der Welt der Sprühkunst zu machen. Zu Unrecht wie viele  Sprüher finden. Man müsse zuerst seinen Beitrag und Fleiß an der Wand leisten um Akzeptanz und Respekt in der Graffiti Community zu erlangen.

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Quelle: SPRAYCITY.AT Foto Archiv

Stefan Wogrin, Herausgeber des österreichischen Online Sprüher Magazins SPRAYCITY.AT, beleuchtet in seinem Beitrag welchen Einfluss Social Media auf die Sprayer Community hat und welche Konsequenzen bereits spürbar sind:

Die Writing-Bewegung entstand Ende der 1960er Jahre in Nordamerika. Jugendliche begannen ihren Namen, beziehungsweise ihr Pseudonym in Form von Tags zunächst an Wände im öffentlichen Raum, später an die Außenflächen der Subways zu sprühen. Es ging ihnen darum ihre Namen bekannt und sichtbar zu machen, um „Fame“, also Anerkennung unter Gleichgesinnten, zu bekommen. Die Waggons der Subways bewegten die aufgesprühten Namen quer durch das Stadtgebiet. Die Tags richteten sich dabei an andere aktive Writer und nicht an außenstehende Betrachter. Für diese waren die verschlüsselt wirkenden Zeichen ohnehin schwer lesbar, obwohl sie lange zum äußerlichen Erscheinungsbild der Subways gehörten und damit zwangsläufig von tausenden Fahrgästen gesehen wurden. Graffiti Writing war somit schon immer auch ein Kommunikationsmittel. Im Laufe der Jahre wurde das Writing zunehmend als Problem wahrgenommen, woraufhin Gesetze verschärft wurden und nur noch saubere Züge zum Einsatz kamen.

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Quelle: SPRAYCITY.AT Foto Archiv

Nachdem die besprühten Züge nicht mehr durch die Stadt fuhren, verbreiteten sich die Werke in den darauf folgenden Jahrzehnten über andere szeneinterne Medien. Das waren beispielsweise Fachmagazine, die Fotos von besprühten Wänden und Zügen abdruckten. Der Drang nach dem Erlangen von „Fame“ konnte damit zumindest teilweise befriedigt werden. Jedoch waren die Magazine nicht weit verbreitet und daher schwer zugänglich. Der Rezipientenkreis beschränkte sich deshalb meist auf Mitglieder der Szene, wodurch die Graffiti Magazine keine große öffentliche Beachtung fanden. Ein größerer Personenkreis wurde darüber hinaus über Bücher, Magazine und Ausstellungen erreicht, die aber oft nicht von den Writern selbst veröffentlicht bzw. organisiert wurden.

Als einige Jahre später das Internet an Popularität gewann, war es also nur logisch, dass das Graffiti Writing auch hier schnell präsent wurde. Schließlich will Writing vor allem eines: Aufmerksamkeit. Dies brachte gleichzeitig viele grundsätzliche Veränderungen mit sich. Die bisher nur temporären Bilder, die oft nach kurzer Zeit aus der Öffentlichkeit verschwanden, blieben nun online erhalten. Es entstanden weltweit zugängliche Dokumentationsarchive mit tausenden Fotos. Während die Graffiti Magazine anfangs schwer erhältlich waren, bietet sich heute online die Möglichkeit jederzeit Fotos aus allen Ländern der Welt anzuschauen. Sichtbar wird dies besonders bei der Entwicklung von unterschiedlichen Stilrichtungen. Früher hatten viele Städte ihren eigenen lokalen Stil. Durch die Vielzahl an online abrufbaren Inspirationsquellen wurden die Stile andernorts übernommen und vermischten sich zunehmend.

Natürlich spielte das Internet aber auch für die Kommunikation innerhalb der Szene eine wichtige Rolle. Früher war es schwierig Kontakte in fremden Städten zu knüpfen. Dies wurde nun einfacher, da zunächst über Foren und später etwa über Myspace oder Fotolog nahezu jeder Writer weltweit kontaktiert werden konnte. Auf der anderen Seite verrät das Social Media Profil eines Graffiti-Writers aber oft mehr als gewollt.

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Quelle: SPRAYCITY.AT Foto Archiv

Schließlich bewegen sich viele Akteure weiterhin in der Illegalität, wodurch auch die Polizei Informationen aus diesen Kanälen dankbar für ihre Ermittlungen nutzt. Zunächst interessierte sich vor allem die Writingszene selbst für Graffitiarchive und -foren. Heute nutzen viele Akteure bewusst Social Media Plattformen um außenstehende Betrachter zu erreichen und somit ihre Bekanntheit weiter zu steigern. Oft finden sich neben den Pieces auch schon Hashtags oder Instagram Handles, mit denen die Künstler selbst auf ihre Social-Media Accounts hinweisen. Schließlich sind Hashtags für den szenefremden Rezipienten heutzutage einfacher zu entschlüsseln als die damaligen Tags auf den Subway-Zügen. Damit erhält der Betrachter einen leichteren Zugang, wodurch auch das gesellschaftliche Interesse an Graffiti zunehmend steigt. Auch über Videos und Live Streams kann der Betrachter bei vielen Aktionen heute hautnah dabei sein.

Unter außenstehenden Personen werden durch die leichten Zugangsmöglichkeiten manchmal aber auch falsche Erwartungen geweckt. Viele sehen sich fälschlicherweise oft schon selbst als Mitglieder der Szene, auch wenn sich die aktive Tätigkeit auf das Posten von Graffiti-Fotos in sozialen Medien beschränkt. Oft  handelt es sich dabei um eine subjektive Bildauswahl, wodurch nach außen ein verzerrtes Online-Abbild der Szene entsteht. Innerhalb der Social Media Communities können dadurch einzelne Künstler schnell berühmt werden, auch wenn sie im öffentlichen Raum weniger beachtet werden. Dies weckt manchmal auch bei den Künstlern selbst falsche Hoffnungen, wenn etwa tausende likes mit dem realen Bekanntheitsgrad gleichgesetzt werden.

Trotz allem wird sich das Writing auch zukünftig primär im öffentlichen Raum abspielen. Soziale Medien nehmen dabei eine begleitende Position ein, die sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt.

Welche Rolle Social Media weiterhin in der Graffiti Szene einnehmen wird bleibt auf jedenfall spannend zu beobachten.

Zur Person:
stefan-wogrinStefan Wogrin dokumentiert die Graffiti Writing Szene in Österreich seit dem Jahr 2001. Eine Auswahl des über 200.000 Fotos umfassenden Archivs ist über das von ihm herausgegebene Online Magazin SPRAYCITY.AT abrufbar.
Folgt ihm auf:
Facebook Twitter  Instagram  SPRAYCITY.AT Blog

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